Liebesgrüße nach Moskau und Brüssel (Salutări de la Moscova și Bruxelles)

De Bettina Figl | Articol apărut pe Wiener Zeitung.at | 20.05.2014

Chisinau. Der Fahrer steigt auf das Gaspedal, Evelina Cretu krallt ihre Fingernägel in den Vordersitz. Sie weiß, was jetzt kommt: Der Mini-Bus hat die Grenze zur Republik Moldau („Moldawien”, s. Wissen) passiert und brettert über Schlaglöcher. Lockert sie den Griff, hebt es sie aus dem Sitz. Die rumänische Grenze, die seit Rumäniens EU-Beitritt 2007 auch EU-Grenze ist, verkleinert sich im Rückspiegel. In vier Stunden wird der Bus sein Ziel erreichen, die moldauische Hauptstadt Chisinau. Die vorbeirauschenden Häuser sind unverputzt und mit grauem Wellblech bedacht, Bauern beackern die Felder mit Sensen. Ein Pferd, das einem Fuhrwerk voran gespannt ist, bäumt sich wiehernd auf.

Ein Viertel ist im Ausland

Moldau ist eines der ärmsten Länder Europas und das Entwicklungsland Südosteuropas. Es ist etwa so klein wie Belgien, und die Liste seiner Probleme ist lang: Korrupte Politiker, schwach ausgeprägte Zivilgesellschaft, Menschen- und Organhandel florieren, Abwanderung ist ein Massenphänomen. Ein Viertel der Menschen im arbeitsfähigen Alter hat das Land verlassen, in den Dörfern leben nur noch Kinder und Alte. Es gibt den ungelösten Konflikt mit Transnistrien, aufgrund seiner turbulenten Geschichte steckt das Land in einer Identitätskrise. Nun soll ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet werden, vergleichbar mit jenem, das den Konflikt im ukrainischen Nachbarland ausgelöst hat. Damit wird Moldau, das auch aufgrund seiner geopolitischen Lage lange vergessen war, plötzlich auf die politische Weltbühne gestoßen. „Ich bin überzeugt, dass die Assoziierung mit der EU eine Änderung des neutralen Status’ Moldaus ist”, sagt Dmitri Rogosin, Russlands stellvertretender Ministerpräsident. Im abtrünnigen Transnistrien sind nach wie vor etwa 1500 russische Soldaten stationiert und angeblich 25.000 Tonnen Munition gelagert. Die Menschen in Transnistriens Hauptstadt Tiraspol bringen ihre Wertsachen in Sicherheit, hört man in Chisinau.imag au

„Natürlich haben wir Angst”, sagt Cretu. Ihr englischer Akzent klingt eher britisch als rumänisch. Die junge Moldauerin studierte schon in Prag, nun ist sie an der Uni Iasi in Rumänien inskribiert. An diesem Wochenende fährt sie ins von Iasi 150 Kilometer entfernte Chisinau, Familienbesuch. Wie lange der Bus an der Grenze festgehalten wird, weiß sie nie: Heute wird die Reise vier Stunden dauern – für dieselbe Strecke wie von Wien nach St. Valentin. Von Chisinau nach Wien fliegt man fünf Viertelstunden, auch dort war Cretu schon. Wie viele Moldauer besitzt sie einen rumänischen Pass, was das Reisen in den Westen erleichtert. Seit April dürfen alle Moldauer ohne Visum in die EU einreisen, als bisher einziges östliches EU-Partnerland. Das Assoziierungsabkommen gilt als nächste Annäherung an die EU. Nichtsdestotrotz durchforsten Grenzbeamte die Taschen und den Bus, Dokumente müssen mehrmals vorgezeigt werden. Die Kontrollen wurden durch die angespannte Lage kürzlich verschärft. Zeichnet sich ein Konflikt wie in der Ukraine ab? „Die Russen sind verrückt, aber nicht dumm”, sagt der Politologe Dan Dungaciu. Ein militärischer Einmarsch sei teuer, riskant und nicht notwendig: Moldau bezieht sein Gas fast gänzlich aus Russland, 600.000 Moldauer arbeiten, meist illegal, in Russland. Wenn ihnen das Leben erschwert wird, schadet das Moldau: 30 Prozent des Landesbudgets kommen von Auslandsmoldauern.

Wahlen im Herbst

Moldau wird bei Parlamentswahlen im Herbst auch über den EU-Kurs des Landes entscheiden. Derzeit ist die pro-europäische Koalition an der Macht, doch nur ein Drittel der Bevölkerung sei pro-westlich, sagt Dungaciu: „Ein Drittel orientiert sich gegen Osten, der Rest ist unpolitisch.” Der rumänische Politologe war Berater des Interimspräsidenten Mihai Ghimpu, der nach dem Rücktritt von Vladimir Voronin 2009 die Geschicke der Republik leitete. Mit Voronin (Amtszeit 2001 bis 2009) hat Moldau als erster Ex-Sowjetstaat einen Kommunisten zum Staatsoberhaupt ernannt. Am 9. Mai 2014 sandte die russischsprachige Bevölkerung Moldaus einen pompösen Liebesgruß nach Moskau, indem sie mit Marschmusik in Chisinaus Straßen aufmarschierte: Voronin ging mit schwellender Brust voran, gefolgt von Fahnen schwenkenden Genossen. Es tönte „Hurra”, aber auch „Nato, stirb” war zu hören.

Der 9. Mai ist in Moldau ein Staatsfeiertag, es wird der Sieg über den Faschismus gefeiert. Heuer gingen besonders viele Menschen auf die Straße, glaubt Irinia Popovich: „Wir wollen zeigen, dass wir mit dem europäischen Kurs der Regierung nicht einverstanden sind”, sagt die angehende Medizinerin. Sobald sie ihren Uni-Abschluss hat, will sie nach Russland auswandern. „Die EU will uns nicht, wieso sollten wir sie wollen?”, fragt Slavic Colodew, Journalismusstudent

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